Transformation im Familienunternehmen – was bleiben soll, muss sich verändern dürfen
Über Generationennachfolge, das Loslassen von Bestehendem und den Mut, Neues entstehen zu lassen
Transformation ist ein Wort, das mir derzeit überall begegnet. Unternehmen befinden sich in Transformation. Ganze Branchen müssen sich verändern. Unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft, vielleicht sogar unsere Vorstellung davon, wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen.
Vielleicht verwenden wir dieses Wort gerade deshalb so häufig, weil wir alle spüren, dass sich tatsächlich etwas Grundlegendes verändert.
Mich beschäftigt Transformation aber noch aus einem anderen, sehr persönlichen Grund: In unserer Familie beginnt gerade die fünfte Unternehmergeneration.
Mein Sohn Rasmus ist in unser Familienunternehmen eingetreten. Dieser Schritt hat mich zurückblicken lassen – auf meinen eigenen Weg, auf die Generationen vor mir und auf eine Frage, die mich seitdem nicht mehr loslässt: Was macht ein Familienunternehmen eigentlich aus?
Denn wenn ich ehrlich bin, entspricht unsere Geschichte gar nicht dem klassischen Bild eines Familienunternehmens. Wir haben nicht ein Unternehmen über fünf Generationen bewahrt.
Wir haben etwas anderes bewahrt: das Unternehmertum.
Ein Familienunternehmen ohne dasselbe Unternehmen?
Auch ich habe als vierte Generation nicht einfach fortgeführt, was die Generationen vor mir geschaffen hatten. Wir haben uns aus bisherigen Geschäftsfeldern zurückgezogen und neue unternehmerische Wege eingeschlagen. Für mich wurde schließlich die Begleitung von Familienunternehmen bei Strategie, Führung und Nachfolge zu einem bestimmenden Teil meines Berufslebens.
Heute, an der Schwelle zur fünften Generation, verändert sich unser Familienunternehmen erneut. Wir richten einen wesentlichen Teil unserer unternehmerischen Tätigkeit neu aus und beschäftigen uns intensiv mit privatem Immobilienvermögen – mit Nachfolge, Entwicklung und Führung von Immobilieneigentum.
Auf den ersten Blick könnte man sagen: Da wechselt eine Familie eben ihr Geschäftsfeld. Ich glaube inzwischen, dass es um etwas anderes geht. Vielleicht besteht Familienunternehmertum gerade darin, nicht ein bestimmtes Unternehmen über Generationen zu konservieren, sondern unternehmerische Verantwortung weiterzugeben.
Oder, wie ich es in meiner Arbeit mit Familienunternehmen häufig formuliert habe:
Unternehmertum ist das, was Generationen verbindet. Die Unternehmen, in denen es Gestalt annimmt, können sich durchaus verändern.
Das bedeutet aber auch, bei einer Nachfolge genauer zu unterscheiden: Was wollen wir wirklich bewahren – und was muss sich verändern dürfen? Vielleicht besteht die Verantwortung der übergebenden Generation gerade nicht darin, möglichst viel festzuschreiben. Sondern darin, der nächsten Generation neben Verantwortung auch die Freiheit zu geben, ihren eigenen Weg zu finden.
Was wird eigentlich vererbt?
Damit stellt sich für mich eine andere Frage: Was wird in einer Unternehmerfamilie eigentlich von Generation zu Generation weitergegeben?
Natürlich Eigentum, Vermögen, Erfahrungen und Beziehungen. Aber vielleicht ist das Entscheidende etwas anderes: eine Haltung.
Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das Geschaffene zu respektieren, ohne es deshalb unverändert bewahren zu müssen. Der Mut, Entscheidungen zu treffen, deren Ausgang man nicht kennt. Und das Vertrauen darauf, dass auch aus Veränderung etwas Neues entstehen kann.
Wenn ich unsere Familiengeschichte über fünf Generationen betrachte, sehe ich deshalb keine gerade Linie. Ich sehe unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen unternehmerischen Aufgaben.
Und vielleicht liegt genau darin die Kontinuität.
Transformation bedeutet auch Loslassen
Das klingt leichter, als es im wirklichen Leben ist. Denn Veränderung bedeutet nicht nur Aufbruch. Sie bedeutet fast immer auch Abschied: von Geschäftsmodellen, mit denen man erfolgreich war, von Gewohnheiten und Sicherheiten, manchmal von etwas, das über Jahrzehnte Teil der eigenen Identität war.
Wer möchte, dass etwas bleibt, muss deshalb manchmal bereit sein, anderes loszulassen.
Ich kenne diese Momente aus meinem eigenen Unternehmerleben. Und ich kenne die Zweifel, Konflikte und Ängste aus vielen Nachfolgeprozessen, die ich begleiten durfte.
Vielleicht beschäftigt mich deshalb auch die gegenwärtige gesellschaftliche Situation so sehr. Vieles, was Unternehmerfamilien im Kleinen erleben, begegnet uns derzeit im Großen: Gewissheiten geraten ins Wanken, vertraute Geschäftsmodelle verlieren ihre Grundlage, Menschen sorgen sich um ihre wirtschaftliche Sicherheit und um die Zukunft ihrer Kinder.
Diese Sorgen sind real. Ich kenne sie selbst. Aber eines habe ich aus meinem eigenen Weg und aus vielen Veränderungsprozessen gelernt:
Angst ist verständlich. Aber sie ist ein schlechter Ratgeber für die Zukunft.
Die Vergangenheit kommt nicht zurück. Das gilt für Unternehmen, für Familien und vermutlich auch für eine Gesellschaft. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie wir das Vergangene zurückholen, sondern: Was machen wir aus dem, was uns anvertraut wurde?
Wir beginnen schließlich nie bei null. Wir haben Erfahrungen, Fähigkeiten, Wissen und Beziehungen. Und wir haben Werte.
Für unsere Familie waren das über Generationen die Werte ehrbarer Kaufleute: Verantwortung für das eigene Handeln und für andere, Verlässlichkeit, Augenmaß und der Wille, aus eigener Kraft etwas aufzubauen. Diese Werte sagen uns nicht, was wir morgen tun müssen. Aber sie geben Orientierung, wenn wir den Weg noch nicht kennen.
Und nun beginnt die fünfte Generation
Damit komme ich zurück zu dem Anlass für all diese Gedanken: zu meinem Sohn Rasmus.
Seine Nachfolge besteht gerade nicht darin, ein fertiges Unternehmen von mir zu übernehmen. Vielleicht kann man es sich tatsächlich wie einen Acker vorstellen: Generationen vor ihm haben diesen Boden bearbeitet. Es wurde gesät und geerntet, manches aufgegeben und Neues begonnen.
Der Boden ist da. Aber niemand sagt der fünften Generation, was darauf wachsen muss.
Rasmus hat zunächst seinen eigenen Weg außerhalb unseres Familienunternehmens gesucht und mehrere Jahre in der internationalen Unternehmensberatung und in internationalen Unternehmen gearbeitet. Nun übernimmt er unternehmerische Verantwortung und baut mit der PLV ein eigenes Unternehmen rund um das Immobilienmanagement auf.
Das macht mich als Vater stolz. Als Unternehmer berührt mich aber noch etwas anderes:
Er führt nicht einfach mein Lebenswerk fort. Er beginnt sein eigenes.
Vielleicht ist das für mich heute die schönste Vorstellung von Nachfolge: etwas weiterzugeben, ohne vorzugeben, was daraus werden muss.
Und vielleicht schließt sich damit auch der Kreis zu dem Begriff, mit dem dieser Beitrag begonnen hat:
Transformation bedeutet für mich nicht, die eigene Geschichte hinter sich zu lassen. Sie bedeutet, ihr ein neues Kapitel hinzuzufügen.
Für Rasmus beginnt gerade ein solches Kapitel. Und für mich rückt damit eine Frage rund um das Thema Immobiliennachfolge immer stärker in den Mittelpunkt:
Was können Inhaberfamilien mit Immobilienvermögen von erfolgreichen Nachfolgelösungen in Familienunternehmen lernen?
Ich glaube: eine ganze Menge.
Dieser Frage werde ich in den kommenden Wochen in einer Blogserie nachgehen.